Ich suchte keine Arbeit sondern ein Lebenskonzept. (II)

Autorin: 

Barbara Fischer

Es ging vor allem um politische Aktionen. Während ich noch studierte, war ich wie gesagt beim SSK am Salierring (Foto). Die Gruppen, die regelmäßig in die Landeskrankenhäuser fuhren, haben sich woanders getroffen, in der Ehrenfelder Gruppe. Dort entschieden sie über Aktionen. Denen habe ich mich angeschlossen und die Ehrenfelder SSK-Gruppe dadurch kennengelernt. Die Ehrenfelder lebten auf einem besetzten Gelände einer ehemaligen Tankstelle, ein städtisches Gelände. Ich wohnte aber noch woanders. Meine Wohnung entwickelte sich quasi zu einer Art „Außenstelle“ zum SSK für Leute, die vom SSK kamen und nicht mehr dort wohnen wollten. In der Zeit wurde mir dann aber klar, dass ich im SSK leben will.

Ich wurde so eine Art Durchlaufstelle. Aber es war keine gleichberechtigte Situation weder für die Leute noch für mich. Die wollten ja nicht dauerhaft bei mir wohnen, ich musste ihnen aber helfen ihr Leben neu zu regeln. Eigentlich begann ich in dem Moment klassische Sozialarbeit zu machen, hatte aber nicht die Unterstützung der Gruppe. Zu der Zeit gab es über 60 Leute in der Ehrenfelder SSK-Gruppe und es gab keinen Platz. Mein Entschluss dorthin zu ziehen stand fest, aber ich musste noch warten.

Irgendwann habe ich den Leuten einen Termin gesetzt: ich komme zum 1.September. Und das hat geklappt. Ich habe dann meine Wohnung aufgelöst und bin zum Probewohnen in Ehrenfeld eingezogen. Ich war ja nicht in einer Notsituation, aber voller Motivation, als ich mit meinem Kissen und meiner Decke in Ehrenfeld einmarschiert und ins Mädchenaufnahmezimmer (das hieß wirklich so, wie im Heim, lacht) gezogen bin. Im Aufnahmezimmer musste ich mit fünf anderen Frauen zusammen wohnen, bis was frei wurde. Das war eine anstrengende Zeit, ständig Leute um mich herum. Ich hatte ja bislang eine Wohnung alleine bewohnt, mit vielen Gästen zwar, aber nicht rund um die Uhr. Ich las gerne, aber dazu kam ich gar nicht mehr. Jeder kam mit seinen Problemen, es war unglaublich.

Der Tagesablauf war geregelt. Jeden Morgen gab es Sitzungen, auf denen die Arbeit verteilt wurde. Unser Tag sah dann so aus: arbeiten, Vorbereitungen von politischen Aktionen, Prozessvorbereitungen, Zeitung machen. Wir bekamen auch schon mal einen Tag frei.

Wenn wir zu den Prozessen gingen, haben wir mit vielen Leuten den Sitzungssaal besetzt. Auch zu Verhandlungen mit der Stadt sind wir immer als Gruppe gefahren. Die Gruppe war unsere Sprengkraft.  Wir haben nicht vorgesprochen (lacht), sondern haben die Tür aufgerissen und sind da rein gedampft mit vielen Leuten.

Wir waren wirklich keine duftende Truppe (lacht), sondern kamen manchmal vom LKW oder anderen Arbeiten. Für manche Stadtverordnete  waren wir nichts als ein wüster Haufen.  Manche haben sogar versucht, sich einzuschließen. Das könnte ich noch ausschmücken (lacht). Psychiater zum Beispiel haben immer versucht sich einzuschließen, wenn wir kamen und sie damit konfrontiert haben, was wir ihnen vorwarfen.

Das hat mich alles fasziniert an dem Haufen. Wir sagten nicht bitte und danke, sondern wir stürmten los und sagten: Hallo, so geht das nicht!  Das war großartig. Ich kann diese Art Leben auch gar nicht auf feministische Säulen stellen, es war für mich so normal alles. Ich hatte auch immer viel mehr mit Männern zu tun.

Heute schaue ich viel eher, wie geht eine Gesellschaft mit Frauen um. Das war damals nicht so mein Interesse. Heute habe ich auch mehr mit Migrant_innen zu tun habe und war viel in der Welt unterwegs. Ich kann als deutsche Frau überall hinreisen. Aber die Verhältnisse der Frauen weltweit sind weitaus unmöglicher als für mich.

Und auch hier ist es für viele Frauen unmöglich. Und zwar nicht wegen der Frage Mann oder Frau, sondern es entscheidet eher die Klassenherkunft, ob jemand arm ist oder reich. Welche Wege stehen dir offen und welche Türen sind sofort zu, wenn du kein Geld hast? Ich sehe das nicht unbedingt nur als Männer-Frauending. Viele arme Männer haben auch keine Chance.

In meinen neuen Job nach dem SSK – irgendwann war ich zu alt fürs Möbelschleppen- sehe ich Lebenswelten, die ich ohne meine jetzige Arbeit nie kennengelernt hätte. Ich begleite junge Leute aus aller Herren und Frauen Länder, oder wie es so schön heißt: mit Migrationshintergrund, die hier den Start in ihr Leben versuchen. Feministische Themen sind bei den jungen Leuten meiner Meinung nach kein Thema. Sie beschäftigen sich eher mit Fragen wie: Wie komme ich zu einem Platz in meinem Leben, wie komme ich an Bildung? Wie komme ich aus meinen Familien raus, aus Lebenszwängen, unter denen ich persönlich nie leben musste. Meine Familie war ja schon echt spießig. Aber die jungen Frauen, mit denen ich häufig zu tun habe,  wollen sich nicht anpassen, sind aber auch nicht offen rebellisch. Sie müssen heimlich versuchen, ihr Leben zu leben, der Zwang der Gruppe ist nicht zu unterschätzen. Den hatte ich glücklicherweise so nie. Und jede Zeit findet dann ja auch ihre eigenen Antworten auf die Gegenwart.

Meine Kinder sind ganz anders aufgewachsen. Die haben ein Selbstverständnis, das mussten wir uns noch erkämpfen. Meine Mutter hat das nicht geschafft. Ich habe es gelebt. Doch die jungen Frauen aus anderen Ländern haben heute noch Probleme, die hätte meine Mutter haben können und teilweise noch schlimmere. Meine Mutter hat den Kampf nicht aufgenommen.

Die jungen Frauen, die heute den Kampf aufnehmen, müssen es heimlich machen. Die Sanktionen sind für sie sonst zu schrecklich. Und ich frage mich oft, was kann ich tun, um sie zu unterstützen? Eigentlich nur, meine Hilfe anbieten, rein vom Gegenmodell her. Ich kann sie da unterstützen, wo sie rebellisch sind. Aber ich kann nicht den Kampf gegen ihre Sicherheiten führen. Denn die Großgruppen, in denen sie ihren Zwängen ausgesetzt sind, sind ja andererseits auch ihre Sicherheiten. Sie wollen ja nicht aus der Familie verstoßen werden. Dann haben sie wieder das Problem, dass sie in der deutschen Gesellschaft, in der sie ja mehr Rechte hätten, auch nicht aufgenommen werden. Also ist die Herkunftsfamilie stärker. Sonst stünden sie alleine da. Und das wäre eine schreckliche Situation. Die wenigsten schaffen das, nur die Ultrastarken.

Denn auch wenn junge Frauen heute eine Ausbildung haben, wählen sie oft den Weg über die Heiratsabsicherung, ein anderes Modell kennen sie oft nicht.

Ich habe eine junge albanische Azubine, die innerhalb des gesamten Frauenclans als einzige eine Schul- und Berufsausbildung hat. Sie will raus aus der Familie. Aber sie hat ökonomisch keine Möglichkeit, weil das Geld nicht reicht. Familienziel ist, du heiratest, das will sie aber nicht. Aber für sie sind eine eigene Wohnung und damit ihre Selbstständigkeit unerreichbar, weil sie das trotz Unterstützung vom Staat mit Schülerbafög nicht finanzieren kann. Das  heißt, der Schritt raus aus ihrem Elternhaus klappt einfach nicht.

Teil III in Kürze...

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Über das Buch

Author Die Autorin unternimmt Streifzüge durch verschiedene Weltenmythologien und versammelt die Personen und ihre Geschichten um die Weltenesche Yggdrasil. Mythomania.net

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Barbara Fischer Reitzer.