Die Utopistin und ihre Zeit

Autorin: 

Barbara Fischer

In letzter Konsequenz verpasste sie die von ihr mit angestoßene Revolution. Rosa Luxemburg verließ am 9. November 1918 das Zuchthaus und kam einen Tag zu spät in Berlin an. Zeit lässt sich nicht erpressen. Oder wie Rosa Luxemburg selbst es im Verlauf des kurze Zeit später stattfindenden Spartakusaufstandes sagte: Revolution kann man nicht „machen“, sie passiert einfach. Die Dinge hatten im November 1918 ihren Lauf genommen. Die Revolution war im vollen Gange, als Rosa Luxemburg nach Berlin kam. Jedoch angestoßen von kriegsmüden Matrosen und Soldaten, die es leid waren, vom herrschenden Adel  auf den Schlachtfeldern des 1. Weltkriegs verheizt zu werden. Nicht von der revolutionären Linken, die ihr Schicksal endlich selber in die Hand nehmen, die Herrschenden vom Thron stürzen und aus ihren Schlössern vertreiben wollte.

Rosa Luxemburg selbst, obwohl Ikone der KriegsgegnerInnen, stand eher am Rande der von ihr herbeigesehnten Revolution. Aber vielleicht ist sie gerade deswegen bis heute eine ideale Identifikationsfigur: sie stand immer auf der richtigen Seite, etwa wenn wankelmütig gewordene Sozialdemokraten ihre faulen Kompromisse mit dem herrschenden System machten. Sie saß für ihre Überzeugungen im Gefängnis. Sie wich keinem Konflikt aus, war beileibe keine Pazifistin, aber sie verabscheute die Erschießungskommandos Lenins aus ganzem Herzen.

 Zusammen mit Karl Liebknecht war sie eine der aus der SPD ausgeschlossenen AnführerInnen des „Spartakusbundes“. Jener Vereinigung, die während des    1. Weltkrieges nicht nur als entschiedene Kriegsgegerin auftrat, sondern die an ihrem Ziel einer internationalen Revolution des Proletariats festhielt, um Kapitalismus, Imperialismus und Militarismus weltweit zu stürzen. Zu einer Zeit, in der die SPD erst mit den Kriegswölfen heulte und später, aus Furcht vor den bolschewistischen Umtrieben, die in Russland auch die eigenen Genossen meuchelten, mit den alten Machthabern des Kaiserreichs paktierte. Mit jenen Mächten also, die am 15. Januar 1919 zu Mördern an den beiden Gallionsfiguren der kommunistischen Bewegung Deutschlands wurden, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht.

Anfang Januar 1919 gründete der Spartakusbund zusammen mit anderen linken Gruppierungen die Kommunistische Partei Deutschlands. Ihr Auftrag war nichts Geringeres als die Weltrevolution des Proletariats. Als glühende Rednerin konnte Luxemburg die Massen mitreißen. Als scharfsinnige Utopistin lehrte sie nicht nur den herrschenden SPD‘lern das Fürchten, da sie sich, im Gegensatz zu ihnen, nicht hat korrumpieren lassen. Und als selbstbewusste Frau war sie sowieso ein Dorn im Auge aller Männer, die ihrem Geschlecht intellektuelle Überlegenheit attestieren wollten.

Sie war eine passionierte Ruhestörerin und hatte genauso oft Recht, wie sie Unrecht hatte. Und sie gab es genauso wenig zu, wie alle Männer um sie herum es nicht taten. Erinnert sei an ihre Rolle im legendären Revisionistenstreit, als sie sich, noch keine dreißig Jahre alt, mit Eduard Bernstein anlegte, dem Veteranen der proletarischen Bewegung, einem Weggefährten von Karl Marx und späteren Mitarbeiter von Friedrich Engels.

Doch wird man Rosa Luxemburg nicht gerecht, wenn man allein ihre bestechende Klarheit in politischen Analysen heraushebt. Sie hatte eine nicht minder ausgeprägte poetische Ader, die dafür sorgt, dass Lesungen aus ihren „Briefen“ noch heute, hundert Jahre nach dem Mord an dieser grandiosen Frau, abendfüllende und gut besuchte Veranstaltungen sind.   

Unzerstörbar ist ihr Vermächtnis, das uns erhalten geblieben ist in einer schier unüberschaubaren Menge an Büchern, Aufsätzen, Zeitungsartikeln und Briefen: ihre Weiterentwicklungen der marxistischen Theorie, ihre Auseinandersetzungen mit rivalisierenden Parteien und ihren Funktionären oder glühende wissenschaftliche Dispute, wie der mit ihrem Doktorvater Julius Wolf, einem erklärten Gegner des Marxismus.

Rosa Luxemburg irrte genauso oft, wie sie Recht hatte. Doch sie lebte ihren mittlerweile zum legendären Klassiker avancierten Satz: Freiheit ist immer auch die Freiheit der Andersdenkenden.

…und das umwerfende Spektrum des diesjährigen Gedenkens an die große deutsche Revolutionärin und Analytikerin zeigt, ihre Zeit ist noch lange nicht vorbei.

 

 

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Author Die Autorin unternimmt Streifzüge durch verschiedene Weltenmythologien und versammelt die Personen und ihre Geschichten um die Weltenesche Yggdrasil. Mythomania.net

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